Krise als Chance

Sich zum Thema Corona Virus Covid 19 zu äußern ist nicht unbedingt einfach. Im Grunde wollte ich es nicht tun, doch nachdem ich nun schon 14 Tage zu Hause in Wien bin und die ersten Eindrücke verarbeitet habe, erinnere ich mich an ein Buch mit dem Titel „Krise als Chance“.

Zuerst einmal zu meiner persönlichen Situation. Normalerweise würde ich in dieser Woche in Tirol sein und meiner Arbeit in der Praxis nachgehen, sowie Familien aufsuchen und Teamsitzungen abhalten. Persönliche Termine sind in dieser Zeit nicht möglich, so ist meine Praxis in Innsbruck auch geschlossen. Wann ich diese wieder öffnen darf, das steht noch in den Sternen. Coachings sind natürlich auch übers Internet mit Skype oder auch per Telefon möglich, doch wer denkt in dieser herausfordernden Zeit sich persönlich weiterentwickeln zu wollen, wo wir doch alle in einem Boot sitzen und noch gar nicht wissen was auf uns noch alles zukommt.

Ich gehöre nicht zu den Menschen die aggressive Coaching-Werbung machen, besonders nicht jetzt. Diejenigen, die mich kennen melden sich, wenn sie das Gefühl haben mein Können und Wissen ist für sie unterstützend.

Das Buch Krise als Chance kam zu einer Zeit zu mir, als ich vor den Trümmern meiner Ehe und mitten in einer Ausbildung stand. Mein jüngerer Sohn war gerade mal acht Jahre alt. Nach 10 Jahren Beziehung musste ich mir eingestehen, dass ich so nicht weitermachen kann, dass ich mich verloren, mich verbogen hatte, um zu gefallen, um des lieben Friedens willen. Als mein Mann 1999 meinte, er hätte sich die Ehe mit mir anders vorgestellt und er wolle die Scheidung, wusste ich nicht was ich dazu sagen sollte, habe ich doch versucht ihm alles recht zu machen. Erst ein Jahr später war ich mit der Scheidung einverstanden, da ich mir endlich eingestehen konnte, so kann und will ich nicht weiterleben und machen.

Danach folgte eine Zeit der Selbstzweifel. Ich wusste nicht mehr wer ich war, ob ich mein Leben denn alleine überhaupt meistern konnte. Ob ich für meine Söhne als Mutter gut genug bin. Ob ich die Ausbildung weiter machen sollte. Ja sogar, ob mein Leben überhaupt Sinn macht. Ich steckte mitten in einer depressiven Phase.

Zu dieser Zeit habe ich noch als Tagesmutter gearbeitet, doch musste ich damit aufhören, da ich damit nicht ausreichend Geld verdienen konnte. Und ich war noch am Beginn der Ausbildung zur Sozialpädagogin. Dazu kam noch, dass mein Exmann mir keine Ruhe ließ. Wenn er mich nicht kontrollieren konnte, dann versuchte er das über unseren Sohn. Das ging insgesamt noch ein paar Jahre, solange bis er es geschafft hatte, dass unser Sohn zu ihm ziehen wollte und ich des Kämpfens müde war.

Wieviel Selbstmitleid braucht der Mensch, frag ich Sie?! Wer kann den mein Leben leben, außer ich selbst?! Es hat den Zeitpunkt gegeben, an dem ich zu mir selbst gesagt habe: „so jetzt ist Schluss mit dem jammern, dem Selbstmitleid und dem warum ausgerechnet ich“. Wenn ich mein Leben nicht in die Hand nehme, dann werde ich immer fremdbestimmt sein, dann wird es immer äußere Umstände geben, die mich daran hindern das Leben zu führen, das ich möchte.

Diese Krise, in der ich steckte, konnte nur ich selbst lösen. Krise als Chance. Ja, eine Krise kann eine Chance sein, wenn ich sie als solche sehen kann und will. Letztendlich hat diese Krise mir die Augen geöffnet. Die größte Aufgabe, die ich nun hatte, war mich selbst wieder zu finden. Bzw. zu erfahren, wer ich denn überhaupt bin, was mich ausmacht und wofür ich im Leben brenne. Mein Feuer war erloschen. Ich musste es neu entfachen.

Von irgendwo scheint immer ein Licht

Es folgte eine intensive Zeit des Lernens. Ich hatte im Studium wunderbare Lehrende, Mitstudierende und auch Freunde, die mir halfen, die ersten Hürden und Blockaden zu lösen. Es folgte eine zweieinhalbjährige Therapie in der ich aktiv meine Kindheitstraumata aufzulösen begann. Die Lebensfreude kehrte nach und nach wieder zurück. Weitere Ausbildungen folgten.

Dazwischen gab es immer wieder Situationen, die nicht einfach zu händeln waren, doch ich war nicht mehr gelähmt oder im Selbstmitleid verhaftet. Ich konnte aktiv an die Themen herangehen. Wenn auf meinem Weg ein großer Stein lag, so fand ich die für mich richtige Lösung diesen wegzuräumen. Manchmal mit Hilfe durch ein Coaching, manchmal auch ganz alleine. Was aber mit Sicherheit das wichtigste war, ich habe mich selbst wiedergefunden. Ich weiß wer ich bin, was mich ausmacht, was meine Berufung ist, wofür ich brenne und wie ich leben möchte.

Was bedeutet nun die aktuelle Situation für viele von uns? Ein Virus geht um die Welt und bedroht uns Menschen. Dieser Virus ist nicht sichtbar. Wir wissen nicht von welcher Seite er uns angreift. Doch es ist nicht nur der Virus alleine. Es sind auch die Bestimmungen, die die Regierung erlassen hat. So ist nicht nur unsere Gesundheit bedroht, sondern auch unsere Existenz. Geschlossenen Firmen, Geschäfte und Büros, Arbeitslosigkeit.

Durch die weltweite Krise werden viele von uns an die tiefsitzenden Traumata herangeführt. Für manche bedeutet es eine Re-Traumatisierung. Noch nicht verarbeitete Ereignisse unseres Lebens werden getriggert. Gefühle, wie Ängste, Unsicherheit, Wut und Zorn, Selbstzweifel werden aktiv. Psychosomatische Reaktionen sind keine Seltenheit.

Diese Krise zeigt mir persönlich, dass ich meine alten Traumata gut verarbeitet habe, dass ich ruhig bleiben und den Raum auch für andere halten kann. Und ich nehme die Angst, die Unsicherheit, die Wut und viele weiteren Gefühle wahr.

Der Virus, diese surreale Situation kann für jeden von uns eine Chance sein. Eine Chance zu erkennen was für jeden einzelnen von uns wichtig ist. Was wir im täglichen Leben wirklich brauchen. Für mich persönlich bringt der Virus den Vorteil, zu Hause bleiben zu können. Runter zu kommen von den anstrengenden Monaten, die durch die Krankheit meines Mannes geprägt waren. Ich muss keinen Koffer packen, darf selbst wieder entspannen und trotzdem kann ich für andere da sein, die meine Zuspruch brauchen. Ja ich kann mit mir alleine und meinem Mann gemeinsam einzelne Tage als Urlaubstage genießen, obwohl sie keine sind. Seine Musik gibt uns beiden sehr viel Kraft. Ich genieße es seinem Spiel zu lauschen und freue mich schon auf sein Online-Konzert zu Ostern.

Ich wünsche Dir, dass auch Du positive Seiten der aktuellen Situation abgewinnen kannst. Dass Du im Vertrauen bleibst oder es in Dir selbst wiederfindest. Dass Dir bewusst ist, dass wir selbst für unsere Gedanken verantwortlich sind und dass Du die Macht hast Deine Gedanken positiv zu lenken. Atemübungen, Meditationen, Musik können Dich dabei unterstützen. Du hast die Macht, das Beste aus dieser Situation zu machen.

Es gilt für uns alle, je mehr wir auf uns selbst achtgeben, desto mehr geben wir auch acht auf andere. In diesem Sinne, kann die Krise eine Chance für uns alle bedeuten.

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